Luis` folgenreiche Streiche
Seit einigen Monaten lebten Luis, Nick und Paul nun schon in der Besserungsanstalt „Horizont“. Der geregelte Tagesablauf, die festen Essenszeiten, der Unterricht – all das war neu für sie. Zwar hatten sie sich einigermaßen eingelebt, doch ganz ehrlich: Spaß machte das alles nicht. Besonders Luis hatte es schwer, sich an die vielen Regeln zu halten. Er war ein Freigeist, ständig voller Energie und mit einem gewissen Hang dazu, Grenzen auszutesten. Vor allem einer hatte es ihm angetan: der Pastor, ihr Religionslehrer. Der war so ordentlich, so korrekt, so steif – geradezu eine Einladung für einen kleinen Scherz hier und da.
Der Unterricht an jenem Mittwochmorgen begann wie immer: trocken, ruhig, vor sich hin plätschernd. Pastor Brenner, der nicht nur die morgendlichen Andachten hielt, sondern auch Geschichte unterrichtete, schrieb gerade das Thema des Tages an die Tafel: „Der Dreißigjährige Krieg – Ursachen und Folgen“. Zumindest versuchte er es. Die Kreide kratzte über die grüne Oberfläche, doch sie hinterließ kaum eine Spur. Nur schwache, blasse Linien. Der Pastor runzelte die Stirn, drückte fester, versuchte es erneut – wieder nichts. Ein merkwürdiger Schmierfilm schien auf der Tafel zu liegen, beinahe unsichtbar, aber offensichtlich wirksam. „Was ist das denn…?“, murmelte er irritiert.
Da ging es los: Erst ein unterdrücktes Kichern aus der letzten Reihe, dann ein lautes Lachen. Einige klopften sich auf die Schenkel, andere riefen Sprüche durch den Raum. „Kreideallergie, Herr Pastor?“ – „Vielleicht hat die Tafel heute frei!“ – „Gott hat’s gelöscht!“ Luis saß mittendrin. Arme verschränkt, Blick unschuldig. Doch das Funkeln in seinen Augen verriet ihn beinahe. Pastor Brenner trat zurück, betrachtete die Tafel, dann langsam die Klasse. Die Freude im Raum war greifbar, selbst Nick und Paul grinsten breit. „Ruhe jetzt!“, sagte der Pastor streng, doch seine Stimme verlor sich fast im Lärm. Er griff zur nassen Schwammdose, wischte über die Tafel – der Schwamm glitt auffällig glatt darüber. Und dann roch er es. ‚Zitrone!‘ Er hob den Schwamm an die Nase, roch erneut – ja, ganz eindeutig. Zitronensaft.
Er drehte sich langsam zur Klasse um. Die Stimmung kippte augenblicklich. Jetzt war es still. „Wer von euch war das?“, fragte Brenner ruhig, aber mit einer Schärfe, die alle Wände durchdrang. Niemand meldete sich. Kein Finger, kein Pieps. Nur Blicke, die plötzlich auf Tischkanten oder Schuhe gerichtet waren. „Dann eben anders“, sagte der Pastor und musterte die Klasse. Er ging hinter sein Pult, öffnete die Schublade und nahm die gefürchtete Tawse heraus. Langsam ging er vor der Klasse auf und ab und musterte einen nach dem anderen. Fast alle blickten schnell nach unten und mieden den Augenkontakt, doch als er bei Luis ankam, sah ihn dieser direkt an. „Luis, war das dein Werk?“, fragte der Pastor streng. Luis zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, vielleicht war’s der Wind?“
„Werd nicht noch frech, junger Mann, sonst setzt es was! Dafür wirst du nach dem Unterricht Nachsitzen“, zeterte der Pastor. „Das ist doch lächerlich!“, rief Luis und warf die Hände in die Luft. „Sie haben doch keine Beweise!“ Pastor Brenner blieb direkt vor ihm stehen und sah ihm fest in die Augen. „Luis“, sagte er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, „ich brauche keinen Beweis. Ich brauche nur einen Blick auf dein Gesicht zu werfen, um zu wissen, dass du es warst.“ Luis verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, kämpfte aber sichtlich darum, nicht zu lachen. ‚Mist.‘ Er hatte sich wohl doch verraten. „Sie haben’s doch überlebt“, murmelte er und zuckte mit den Schultern.
Der Pastor hob eine Augenbraue. „Mag sein. Aber Respekt hat nichts damit zu tun, ob jemand etwas überlebt. Es geht darum, wie wir miteinander umgehen. Und darum, ob du lernst, Verantwortung zu übernehmen.“ Luis verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. „Also Nachsitzen, ja?“ Pastor Brenner nickte. „Zwei Stunden. Heute nach dem Unterricht. Du wirst mir einen Aufsatz schreiben zum Thema: Warum Respekt wichtiger ist als ein lustiger Streich.“
„Kreativ schreiben oder ehrlich?“, fragte Luis mit einem Anflug von Spott. Der Pastor erstarrte und brummte warnend. „Dein Ton gefällt mir nicht, junger Mann. Anscheinend findest du das Ganze immer noch furchtbar amüsant. Aufstehen!“ Luis schluckte, langsam schob er seinen Stuhl nach hinten und stand betont lässig auf, versuchte die Fassade seines arroganten Auftretens aufrecht zu erhalten. „Streck die Hände nach vorn aus!“, forderte ihn Pastor Brenner auf. Luis stutzte. ‚Was hatte der Pastor vor?‘, überlegte er.
Langsam streckte er die Hände nach vorne aus. „Handflächen nach oben!“, wies ihn der Pastor weiter an und Luis gehorchte. In der Klasse war es mucksmäuschenstill, jeder schien den Atem anzuhalten und gebannt darauf zu warten, was jetzt folgen würde.
Der Pastor stellte sich vor Luis auf, legte das Ende der Tawse maßnehmend auf Luis rechte Hand und holte einmal kurz aus. Mit einem lauten Klatschen landete das zweigeteilte, feste Leder mittig auf der Hand des Schülers. Ein Raunen ging durch die Klasse, viele hatten vor Schreck die Augen zusammengekniffen. Auch Luis erschrak, der Schmerz war heftig und breitete sich sofort prickelnd auf der ganzen Handfläche auf. „Aah!“ Unwillkürlich schloss er die Hand zur Faust, bevor er sie unter die linke Achsel klemmte. „Streck die Hand wieder aus, Luis!“, mahnte ihn Pastor Brenner. Langsam nahm Luis die Hand unter seiner Achsel hervor, noch immer zur Faust geballt, streckte er den Arm langsam aus, bevor er sie öffnete. Auf seiner Hand war augenblicklich ein tomatenroter Striemen aufgeblüht. Luis schluckte, als er sah, dass der Pastor erneut Maß nahm und Schwung holte.
Wieder traf ihn die Tawse satt, diesmal auf der linken Handfläche. „Autsch!“, Luis verzog das Gesicht und schüttelte die Hand in der Luft. „Hand nach vorn, Luis!“, erinnerte ihn der Pastor mahnend. ‚Na, wer lacht jetzt?‘, dachte Pastor Brenner grimmig lächelnd, legte die Tawse auf seiner Schulter ab und verpasste ihm den nächsten Schlag unerbittlich auf die geröteten Hände. Zischend atmete Luis aus und ballte beide Hände vor Schmerz zur Faust. Doch als der Pastor tadelnd eine Augenbraue hob, öffnete er die Hände zögerlich wieder und hielt sie ihm, wie befohlen hin. Zwei weitere schnelle Hiebe folgten und Luis stöhnte vor Schmerz, versuchte durch Pusten in seine Fäuste den Schmerz zu mildern. Als der Pastor ihn erneut ermahnte, kam er nur sehr langsam der Aufforderung nach. Seine Hände brannten wie Feuer und zitterten, als er die Finger streckte. Die kompletten Flächen waren tief rot, mit einigen geschwollenen Stellen. Doch Pastor Brenner schonte ihn nicht und zog ihm auch den sechsten Hieb, ohne Nachsicht, über. „Aahaha!“, jammerte Luis auf und schloss seine Hände, wie zum Händedruck. Zwischen seine Hände pustend, versuchte er das unerträgliche Brennen zu vertreiben. „Ich hoffe, dass war dir eine Lehre, Luis! Und jetzt hol frisches Wasser und einen Lappen und säubere die Tafel. Aber zack! Und wehe, es ist danach nicht alles verschwunden, dann kannst du dich auf was gefasst machen!“ Luis nickte mit gesenktem Kopf, das Lachen war ihm vergangen. Dann huschte er schnell an dem Lehrer vorbei und holte einen Eimer mit Wasser und einen frischen Lappen, wie befohlen, bevor er begann die Tafel zu schrubben, während der Pastor seinen Unterricht fortsetzte.
Die erhitzten Hände in das kühle Wasser zu halten tat zuerst gut, doch der raue Lappen und der Zitronensaft auf der wunden Haut, sorgten für zusätzliche Schmerzen, so dass er froh war, als er die letzten Reste endlich entfernt hatte und zeitgleich die Pausenglocke läutete. ‚Ein Gück!“, dachte er und warf den Lappen in den Eimer. Die anderen hatten das Klassenzimmer blitzschnell verlassen und er folgte ihnen. An der Tür angekommen, rief ihn der Pastor zurück. Luis drehte sich um und blieb stehen. „Warum Luis?“, fragte er. Luis hob die Schultern. „Beweisen können Sie’s nicht.“ Der Pastor sah ihn lange an, dann nickte er langsam. „Stimmt. Aber ich kenne deine Handschrift – auch wenn du sie nicht auf die Tafel geschrieben hast.“ Luis grinste. „War doch witzig. Die Klasse fand’s super.“
„Und was genau hast du davon?“, fragte Pastor Brenner. Luis zuckte mit den Schultern. „Respekt. Aufmerksamkeit. Vielleicht ein bisschen Spaß. War gar nicht so einfach, so viel Zitronensaft zusammen zu kriegen“, sagte er lachend und ging schnell davon, bevor der Pastor etwas erwidern konnte. Der Pastor glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Schnell sprang er auf und lief zur Tür, doch Luis war bereits verschwunden. Nur noch das Echo seiner Schritte hallte durch den Flur. „Na warte, Luis… das werde ich dir schon noch austreiben“, murmelte Pastor Brenner mit zusammengebissenen Zähnen. Von diesem Moment an nahm er sich fest vor, den jungen Mann besonders im Auge zu behalten. Und die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten.
Beim Mittagessen saßen Luis, Nick und Paul wie immer am hinteren Tisch in der Ecke des Speisesaals. Das heutige Menü: Kartoffelbrei, verkochtes Gemüse und ein undefinierbares Stück Fleisch. Luis hatte kaum zwei Bissen gegessen, als er sich – scheinbar unauffällig – nach vorne beugte und mit einer Gabel ein Stück Wurst von Nicks Tablett klaute. „Ey!“, rief Nick, doch grinste sofort. Es war ihr üblicher kleiner Kampf um das bessere Kantinenessen. Doch jemand anderes hatte es gesehen.
„Luis!“, ertönte plötzlich eine scharfe Stimme aus dem Hintergrund. Alle Köpfe drehten sich zur Seite. Pastor Brenner stand neben der Essensausgabe, die Arme verschränkt, den Blick streng wie selten zuvor. Luis ließ die Gabel blitzschnell fallen – zu spät. „Ein Diebstahl beim Mittagessen.“, sagte der Pastor trocken und kam langsam näher. „Klein, aber bezeichnend.“ Luis versuchte es zu erklären: „Das war doch nur Spaß. Nick kennt mich, der wollte die Wurst sowieso nicht.“
„Ob er die Wurst wollte, ist nicht die Frage“, erwiderte der Pastor nüchtern. „Du hast dir etwas genommen, das dir nicht gehört. Und das ist – wieder einmal – die falsche Entscheidung.“ Nick wollte etwas sagen, doch der Pastor hob nur die Hand. „Du nicht. Luis muss das selbst klären.“ Luis starrte auf sein Tablett. Die Stimmung am Tisch war dahin. Nach ein paar Sekunden nickte er. „Also… nochmal Nachsitzen?“, fragte er mit einem schiefen Grinsen, in dem Versuch die Situation zu retten. „Nein“, sagte der Pastor. „Diesmal nicht – Küchendienst. Zwei Tage. Frühschicht. Vielleicht lernst du den Wert einer Wurst besser kennen, wenn du um sechs Uhr morgens dabei hilfst, sie zu braten.“ Luis stöhnte laut auf, während Nick und Paul ihn mitleidig ansahen. Doch ganz tief drin – und das wusste der Pastor – war sein Widerstand noch nicht verschwunden.
Luis war wütend über den aufgebrummten Küchendienst. Auf dem Hof lief er auf und ab, während Nick und Paul sich auf die Bank neben dem Zaun gesetzt hatten und ihm zusahen. „Küchendienst!“, schimpfte Luis und trat gegen einen Stein, der klackernd über den Asphalt hüpfte. „Der hat sie doch nicht mehr alle. Wegen einer Wurst! Einer verdammten Wurst!“ Paul grinste. „Du hast halt Talent, zur falschen Zeit das Falsche zu tun.“
„Das wird er büßen“, murmelte Luis schließlich laut vor sich hin. Seine Augen blitzten. Er dachte nach. Irgendetwas musste er tun – irgendwas, das zeigte, was er von diesen ständigen Regeln und dem verdammten Pastor hielt. „Luis, komm runter“, sagte Nick vorsichtig. „Du legst dich mit dem Pastor an – das ist ein Spiel, das du nicht gewinnen kannst.“
„Wer sagt, dass ich gewinnen muss? Vielleicht reicht es, wenn er sich nur ein bisschen ärgert.“, erwiderte Luis und grinste vielsagend. Doch in diesem Moment ertönte die Schulglocke. Die Pause war vorbei. Luis fluchte leise, dann trottete er den anderen hinterher. Der restliche Unterricht verging langsam, die Minuten zogen sich wie Kaugummi. Luis war mit dem Kopf nicht bei den Aufgaben. Er kaute auf dem Stift, starrte aus dem Fenster und ging mögliche Streiche im Kopf durch. Nach der letzten Stunde blieben die anderen Schüler nicht lange. Die Klassenräume leerten sich rasch – nur Luis blieb zurück.
Das Nachsitzen begann. Kein Nick, kein Paul – nur er und ein leeres Klassenzimmer. Der Stuhl knarrte unter ihm. Die Nachmittagssonne warf lange Schatten auf den Boden. Kurz darauf öffnete sich die Tür. Pastor Brenner trat ein, wie immer in seine Soutane gekleidet, mit einem Stapel Papieren unter dem Arm. „Luis. Pünktlich. Das ist neu“, sagte er trocken. Luis antwortete nicht. Er verschränkte die Arme und lehnte sich lässig zurück.
Pastor Brenner stand wieder an der Tafel – diesmal funktionierte die Kreide, nachdem Luis sie gründlich gereinigt hatte und er schrieb das Thema des Strafaufsatzes an die Tafel, bevor er sagte: „Zwei Stunden Nachsitzen. Und du darfst mir aufschreiben, was echter Respekt bedeutet – im Gegensatz zu Applaus aus der letzten Reihe.“ Luis stöhnte, ein Blatt Papier vor sich, fiel ihm der Satz schwer: Was ist Respekt? Er kaute am Stift, schaute aus dem Fenster, dann wieder auf die leere Seite. Irgendwo zwischen Trotz und Nachdenken begann er zu schreiben. Noch sagte er nichts. Während der Pastor sich an seinen Schreibtisch setzte und leise zu blättern begann, brodelte es in Luis weiter. Irgendetwas würde er sich einfallen lassen. Noch hatte er keine Idee – aber eins war sicher: Das letzte Wort war noch nicht gesprochen.
Dann konzentrierte er auf seinen Aufsatz und schrieb ehrlich und direkt was er von den Regeln und dem Respekt vor anderen hielt. Als er den Aufsatz am Ende abgab, sagte der Lehrer streng: „Du hast Humor, Luis. Versuch nur, ihn in die richtige Richtung zu lenken und benimm dich! Ich behalte dich im Auge“ Luis nickte, seine Finger schmerzten, noch immer brannten seine Hände von der erhaltenen Strafe und das lange Halten des Stiftes, hatte nicht gerade zur Linderung beigetragen – ganz im Gegenteil. ‚Der Streich war es trotzdem wert gewesen‘, dachte Luis – aber vielleicht, nur vielleicht, würde er beim nächsten Mal zweimal nachdenken, bevor er wieder Zitronensaft an die Tafel schmierte.
Kaum in seinem Zimmer angekommen, überlegte er erneut, wie er es dem Pastor heimzahlen konnte. Da kam ihm eine Idee. Sein Vater hatte ihm früher von einem Streich mit Juckpulver erzählt, dass er aus Hagebutten gewonnen hatte. Der Plan stand, am Zaun gab es eine Hecke aus Hagebuttenbüschen. In Luis’ Kopf hatte sich das Bild festgesetzt: ein schelmisches Grinsen, ein überraschtes Gesicht, dann das triumphale Kichern seiner Freunde.
Luis beobachtete die Hecke am Zaun tagelang, als wäre es ein Versteck für einen Schatz. Die Hagebutten leuchteten im Spätsommer wie kleine rote Laternen; die Dornen glitzerten vom Morgentau. Er ging oft am Zaun entlang, Eine Stoppuhr in Gedanken, suchte er die beste Zeit, um die ruhigsten Momente auszukundschaften. Wenn die Sonne tief stand und der Hof leer war, bückte er sich und sammelte ein paar der Früchte – nicht viele, nur genug. Beim Sammeln lauschte er auf Geräusche, zählte Schritte und notierte im Kopf den schnellsten Weg zum Zimmer des Pastors. Er machte sich Notizen – nicht über die Zubereitung, sondern über die Zeitpunkte: wann die Betreuer abends ihre Runden drehten, wann der Pastor vor dem Schlafen gehen noch einmal das Zimmer verließ, um zu beten und wie lange er wegblieb. Planung bedeutete Sicherheit und Sicherheit bedeutete für ihn Kontrolle.
In der Abgeschiedenheit seines Zimmers rief er die Erinnerung an das Gespräch mit seinem Vater wach und stellte heimlich das Juckpulver her. Abends, wenn er im Bett lag, stellte er sich das Pulver als feinen, staubigen Hauch vor — kaum sichtbar, aber spürbar. Das Bild allein reichte, um seine Finger kribbeln zu lassen. Er stellte sich vor, wie sein Streich den Pastor aus dem Schlaf reißen würde, wie ein kleiner Triumph gegen die ständige Aufsicht.
Dann war es soweit – Luis packte seine Sachen: eine kleine, unscheinbare Tasche, Handschuhe, eine alte Serviette. Er ging noch einmal die Wege, Fluchtpunkte und Verstecke durch. Das war ihm wichtig. Der Streich sollte präzise sein, schnell rein und wieder verschwunden, eine kurze Szene. In Gedanken ging er die Szene hundertmal durch: das Zimmer, das Licht, der Klang eines Federkissens, das leise Knarren der Fußbodenbretter. Er dachte daran, wie er danach mit Nick und Paul sitzen und darüber lachen würde. Aber auch seine Zweifel blieben nicht stumm. Immer wieder stoppte er sich und fragte sich, ob er wirklich den Weg gehen wollte, den er plante. Oder was passieren würde, wenn er erwischt werden würde? Jedes Mal fand er eine neue Ausrede, ein neues Motiv und oft genug auch ein kleines, ehrliches ‚Warum eigentlich?‘. Am Abend, als die Fenster des Gebäudes in ein warmes Gold tauchten, stand er noch einmal auf, strich mit der Hand über den gesammelten Schatz in seiner Tasche und steckte die Tasche unter sein Bett.
Spannung knisterte in Luis’ Brust, als er spätabends zum Zimmer des Pastors schlich. Die Schritte der Betreuer waren dort seltener, das Haus ruhiger – genau die richtigen Bedingungen für seinen Streich, dachte er. Er schlüpfte durch die halbgeöffnete Zimmertür, das Herz hämmerte ihm in den Ohren. Das Bett lag still da, das ganze Zimmer roch nach Rotwein und alten Büchern. Mit zitternden Fingern streute er das feine Pulver, das er aus den Hagebutten gesammelt hatte, über die Kissen – mehr aus Trotz als aus genauer Absicht. Dann verließ er genauso heimlich den Raum, leise wie ein Dieb, voll Vorfreude auf das morgige Chaos.
Er schlief kaum. Die Vorstellung vom Pastor, der kratzend und fluchend aus dem Bett springt, ließ ihn grinsen. Nick und Paul merkten seine Aufgeregtheit am nächsten Morgen, fragten aber nicht nach. Luis wollte das Schauspiel abwarten – und so zog sich der Tag in quälender Erwartung hin. Doch als die Mittagsglocke schlug und die Klasse in die Kantine strömte, geschah etwas, das Luis’ Triumph abrupt erstickte: Pastor Brenner kam nicht zum Essen. Stattdessen trat er später in die Klasse – in sauberem Hemd, ruhig, ohne jegliche Spur von Aufgeregtheit – und setzte sich ganz vorne an sein Pult. Sein Blick wanderte durch den Raum, blieb an Luis hängen und ruhte dort länger, als es höflich war, bevor er mit dem Unterricht startete.
Nach dem Unterricht nahm der Pastor Luis beiseite. Die anderen Schüler füllten den Gang, Stimmen mischten sich zu einem Rauschen. Niemand hörte, über was die beiden sprachen, aber Luis’ Gesicht verlor plötzlich die Farbe. „Ich habe gestern Nacht etwas gefunden“, begann Pastor Brenner ruhig. „Ein Pulver auf meinem Bett. Es ist kein großer Schaden entstanden – Ich habe das Bett frisch bezogen, bevor ich es brauchte. Doch das ist nicht die Frage.“ Luis öffnete den Mund; alle möglichen Ausflüchte formten sich, wollten hervorsprudeln. Stattdessen blieb es still. Er konnte nicht fassen, dass sein so sorgfältig ausgeheckter Plan schiefgegangen war. „Du hast es getan, nicht wahr?“, fragte der Pastor wütend. Luis biss die Zähne zusammen. Resigniert nickte er kaum merklich, es würde ohnehin herauskommen. „Dann weißt du, was jetzt passiert. Komm mit!“ Pastor Brenner führte Luis den Flur hinauf, vorbei an Türen, deren Namensschilder vom vielen Polieren matt geworden waren. Seine Schritte waren ruhig, aber bestimmt; Luis lief neben ihm, den Blick stur auf die abgewetzten Schuhspitzen gerichtet. Kein Wort fiel, bis sie vor der schweren Eichentür des Direktors standen.
Herr Obermaier war ein Mann, dessen Stimme man selten vergaß – sie war tief, schnell zu Tadel bereit und trug die Autorität eines Mannes, der schon so manche Jugend durch unruhige Jahre geleitet hatte. Als Pastor Brenner klopfte, war er bereits auf den Beinen. Er reichte die Hand kaum, nickte nur und deutete Luis, vor seinem Schreibtisch stehen zu bleiben. „Also…“, begann Obermaier ohne Umschweife, „Herr Brenner hat mich informiert, dass in seinem Bett Juckpulver gefunden wurde. Ein dummer Streich – was hast du dir dabei gedacht?“ Sein Blick bohrte sich in Luis, forschend, unfreundlich, fordernd. Luis spürte, wie seine Wangen heiß wurden. „Ich…“, versuchte Luis, eine Ausrede zu finden. Doch die Worte sackten ihm weg wie nasse Kleidung. Er dachte an Nick und Paul, an ihren stummen Blick, an das Grinsen, das er nicht mehr aufbringen konnte.
„Du bist also derjenige, der meint, hier Spielchen spielen zu müssen?“, fuhr Obermaier streng fort. „Weißt du, was du damit bewirken kannst? Nichts, aber auch gar nichts. Das ist nicht lustig, Luis. Du machst es damit nur schlimmer.“ Luis presste die Lippen zusammen. Er wollte etwas Schlaues sagen, irgendetwas, das die Lage drehte, aber alles, was kam, war ein leises: „Es sollte nur ein Streich sein.“
„Nur ein Streich“, wiederholte Obermaier mit kaltem Spott. „Das ist die Standardausrede. Die ist so abgenutzt, dass man sie im Schlaf erkennen kann.“ Er lehnte sich zurück, verschränkte die Hände. „Du bist alt genug, um zu wissen, wo die Grenze ist. Und trotzdem rennst du gern darüber hinaus, um zu sehen, was passiert.“ Pastor Brenner trat vor. „Und das zum wiederholten Mal, Herr Obermaier. Ich habe ihn erst vor kurzem selbst bestraft und Nachsitzen musste er auch. Es geht mir darum, dass er versteht, welchen Schaden solche Aktionen anrichten. Er hat zu lernen, Verantwortung zu übernehmen.“ Obermaier seufzte, dann nickte er langsam. „Gut, dann muss es Konsequenzen geben.“ Damit stand Herr Obermaier auf und forderte Pastor Brenner auf, einen Rohrstock aus dem Arsenal an Stöcken in seinem Schrank für die Strafe auszuwählen.
Mit bangem Blick sah Luis dem Religionslehrer hinterher, der behände hinübereilte und einige Rohrstöcke sirrend probehalber durch die Luft schlug, bevor er sich für einen Stock von mittlerer Dicke entschied, der dennoch biegsam genug war. Mit einem zufriedenen Lächeln überreichte er den Stock Herrn Obermaier, der diesen entgegennahm und Luis aufforderte sich in der Mitte des Raumes aufzustellen und vornüber zu beugen. „Du erhältst drei Dutzend. Hände auf die Knie und da bleiben sie auch!“
Luis wusste, dass es keinen Ausweg mehr gab und ergab sich in sein Schicksal. Als er die Position einnahm, spürte er wie sich seine Hose stramm um seine herausgestreckten Backen spannte. Er atmete tief durch und schloss die Augen, als er sah, wie der Direktor an ihn herantrat. Nur Sekunden später traf ihn der Stock das erste Mal satt. Er zuckte und kniff die Augen zusammen. Es war nicht seine erste Erfahrung mit dem Rohrstock, trotzdem überraschte ihn der plötzliche immense Schmerz jedes Mal von Neuem. Anfangs dachte er immer noch, das es auszuhalten war, bis kurz darauf das Brennen einsetzte, das auch kaum nachließ, sondern sich mit jedem Schlag immer mehr ausbreitete.
Schon traf ihn der Stock erneut. Er hielt die Luft an und verkrampfte die Hände auf den Knien. So auch bei den nächsten acht Schlägen, die jeweils parallel zum Vorherigen angesetzt waren. Die unangenehme Haltung und der zunehmende Schmerz, brachten ihn ins Schwitzen, sein Atem ging keuchend. Noch zweimal biss sich der Stock in sein herausgestrecktes Hinterteil, kurz über den Oberschenkeln. „Nngh!“ Luis biss die Zähne zusammen, zwang sich dazu die Schläge möglichst reaktionslos hinzunehmen, er wollte den beiden keine Genugtuung gönnen. Dann hatte er das erste Dutzend überstanden. Erleichtert richtete er sich auf ein Zeichen auf und rieb seine Kehrseite. „Du weißt, wie es abläuft. Zieh die Hose aus!“, wies ihn Herr Obermaier an.
Luis rümpfte die Nase, folgte aber und schlüpfte aus seiner Hose, legte sie zusammen und anschließend auf einen der Stühle vor dem Schreibtisch des Rektors. Dann ging er zurück in Stellung, stellte die Beine schulterbreit auseinander und stützte sich mit den Händen auf den Knien ab.
Pastor Brenner betrachtete das Ganze von der Seite. ‚Eins musste man Luis lassen…‘, dachte er anerkennend ‚…einstecken kann er.‘, als er zwei rote Striemen unter dem weißen, enganliegenden Slip des Übeltäters entdeckte. Schon nahm der Direktor wieder Maß und der Religionslehrer sah bei den nächsten sechs Schlägen, wie Luis schon deutlich mehr reagierte.
Zischend atmete er hörbar aus, als der Direktor das 19. Mal zuschlug und sich die ersten Treffer überschnitten. Mit jedem weiteren Schlag wanderte der Rektor tiefer auf seine Oberschenkel zu und er hatte mehr und mehr Mühe still zu bleiben. Als er beim nächsten Hieb erneut am Oberschenkel getroffen wurde, knickte er im Knie ein und hielt sich stöhnend die getroffene Stelle, die unglaublich schmerzte. Japsend atmete er, mit zusammen gekniffenen Augen, stoßweise aus. „Hände nach vorn, Luis!“, ermahnte ihn Herr Obermaier. „Es sei denn, du willst, dass ich von vorn beginne.“ Schwer atmend, schüttelte Luis den Kopf und legte die Hand zurück auf sein Knie. Nur Sekunden später hörte er das Sirren des Stocks erneut und er wurde noch ein Stück tiefer knapp unter der Pobacke getroffen. „Aaaah!“, stöhnte er lautstark auf und machte einen Satz nach vorn, während er versuchte den Schmerz zu verreiben. „Zurück in Position!“, donnerte der Direktor los. Als Luis nicht sofort reagierte, schob er ein: „Wirds bald!“ nach. Das half und Luis gehorchte. ‚Nur noch drei!‘, versuchte er sich im Kopf selbst zu motivieren. ‚Nur noch drei durchhalten!‘ Immer wieder sagte er sich die verbleibende Anzahl im Kopf, wie ein Mantra auf und schaffte es so auch die letzten Stockschläge bis zum vollen zweiten Dutzend zu überstehen.
Froh über eine kurze Unterbrechung, richtete er sich auf und rieb seine Backen. Selbst durch den Stoff des Slips hindurch, konnte er die aufgeschwollenen Striemen spüren. „Ausziehen!“, ertönte es von Herrn Obermaier und Luis gehorchte widerspruchslos. Langsam schob er den Slip hinunter bis zu den Knöcheln, stieg heraus und legte ihn zu seiner Hose auf den Stuhl. Dann beugte er sich für den letzten Teil der Strafe erneut vor. Schon jetzt konnte Luis die Stellen spüren, an denen ihn der Stock mehrmals getroffen hatte. Die Haut spannte an den aufgeschwollenen Striemen, die sich bereits dunkel verfärbten.
Herr Obermaier trat an ihn heran, legte den Stock maßnehmend auf Luis` Hintern und holte dann weit aus für den ersten Schlag des dritten Dutzends. Luis atmete mehrmals tief ein und aus und versuchte sich für das Kommende zu wappnen. Noch ganz in Gedanken traf ihn der Stock unvermittelt und er jaulte auf, zuckte nach oben, beugte sich aber sofort wieder nach vorn. „Aaahaha! Au!“ Vorbei war es mit seiner Beherrschung sich nichts anmerken lassen, der Schmerz überwog nur noch und pochte nicht nur auf seinem Allerwertesten, sondern auch in seinem Kopf. ‚Verdammt, tut das weh!‘, dachte er zerknirscht und zweifelte daran noch 11 weitere Schläge dieser Art aushalten zu können. Als er die nächsten acht Schläge erhielt, wiederholte sich das Ganze immer wieder. Der Stock traf ihn und er zuckte nach oben, richtete sich halb auf und wippte wieder zurück in die Position, krallte seine Finger um die Knie. Mit jedem Treffer wuchs seine Verzweiflung und er begann zu bereuen, dass er nicht einfach auf Nick gehörte hatte und es hatte dabei belassen können.
Auch Pastor Brenner bemerkte, dass der Widerstand bei Luis nach und nach bröckelte. Er beobachtete Herrn Obermaier der das Stockende mehrmals auf den bereits ordentlich verstriemten Hintern auftippen ließ, bevor er ihn zweimal durch die Luft sausen ließ. Luis zuckte bei jedem Sirren des Stocks zusammen und spannte sein Gesäß an, entspannte die Muskeln wieder, nachdem er bemerkte, dass es nur ein Test war, bevor er sie erneut verkrampfte. Doch auch das Anspannen half ihm nicht, der Schmerz war mittlerweile so immens, dass seine Beine zu zittern begonnen hatten und er nur mit Mühe in Position bleiben konnte. „Auuuhuhu!“, jammerte er beim nächsten Treffer und hielt seine Hände schützend auf beide Backen.
„Nimm die Hände nach vorn, Luis!“, ermahnte ihn Herr Obermaier unerbittlich und Luis reagierte nur zögerlich, nahm erst die eine Hand nach vorn und dann die andere. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren und auch zu zählen aufgehört, es gab nur noch einen Gedanken in seinem Kopf. ‚Bitte lass es endlich vorbei sein!‘
Noch zwei weitere Male traf der Stock sein Ziel, jeder Schlag begleitet von einem Aufschrei von Luis, dann hatte er es geschafft. Mit feuchten Augen richtete er sich sichtlich erschöpft auf und befühlte vorsichtig seine wunde Kehrseite. Er konnte die parallel verlaufenden Doppelstriemen spüren, einige Stellen waren besonders dick geschwollen und schmerzten unerträglich. Als er sich nun wieder ankleiden durfte, biss er die Zähne zusammen, als er versuchte den engen Slip über den malträtierten Hintern zu ziehen. „Aahahaha!“, stöhnte er auf und schlüpfte anschließend genauso vorsichtig in seine Hose. Allein das Reiben des Stoffes auf der wunden Haut war eine zusätzliche Qual.
Herr Obermaier hatte den Stock an Pastor Brenner weitergereicht, der diesen zurück im Schrank verstaute und anschließend wieder hinter seinem Schreibtisch Platz genommen. Mit prüfendem Blick musterte er Luis, der sichtlich geknickt und eingeschüchtert vor dem Schreibtisch stand. „Ich hoffe, dass war dir eine Lehre und dir sind weitere Streiche dieser Art vergangen.“ Luis nickte. „Ja, Herr Obermaier.“
Dieser nahm einen Stift, schrieb etwas auf ein Blatt und reichte es dem Pastor. „Zwei Wochen Hauswirtschaft zusätzlich, Frühschicht, damit du es auch nicht so schnell vergisst, Luis. Und Herr Brenner, Sie bekommen meine Erlaubnis, ihn zu begleiten und für Ordnung zu sorgen, wenn nötig.“ Luis fühlte, wie der Boden unter ihm schwankte. Zwei Wochen früh aufstehen, Töpfe schrubben, Gerüche, die unter die Haut gingen — das klang wie Gefängnisarbeit. Er öffnete den Mund, wollte widersprechen, aber kein Ton kam heraus, als er den warnenden Blick des Direktors sah. Luis schaute auf das Blatt in Pastor Brenners Hand, dann in sein Gesicht. In den Augen des Pastors lag Triumph. Resigniert nickte er schließlich, stumm. „Gut dann haben wir das geklärt, du kannst gehen.“
Als Luis das Büro verließ, spürte er, wie die Blicke der anderen Insassen an ihm hafteten. Manche waren neugierig, manche gleichgültig. Nick und Paul warteten am Ende des Gangs. Nick klopfte ihm auf die Schulter, Paul verzog das Gesicht. „Geht es?“, fragte er vorsichtig. Luis nickte kaum merklich und sie verschwanden gemeinsam in ihrem Zimmer. Paul hatte die kühlende Creme vom letzten Mal bereits bereitgelegt und öffnete die Tube, als sich Luis Hose und Slip herunterzog und sich bäuchlings auf sein Bett fallen ließ. „Ach du Sch…!“ – „Oh Mist!“, entfuhr es Nick und Paul zeitgleich erschrocken, als sie die dunkelroten Striemen auf Luis Hintern entdeckten. „Alter, der Obermaier hat dich aber ganz schön rangenommen.“, raunte Paul mitfühlend, als er vorsichtig die Creme auftrug. „Nngh!“, stöhnte Luis und biss die Zähne zusammen, jede noch so kleine Berührung schmerzte, selbst Pauls behutsame Versuche ihm Linderung zu verschaffen. Erschöpft blieb er anschließend einfach so liegen, die Kühle tat gut und er erzählte Nick und Paul von der zusätzlichen Strafe. „Na toll“, sagte Nick trocken. „Zwei Wochen Spülwasser deluxe.“
„Ist okay“, versuchte Luis zu lächeln, während seine Freunde weiter versuchten ihn aufzumuntern. Es gelang nur halb. Tief in ihm arbeitete etwas. Die Strafe fühlte sich wie ein Verlust an – von Bequemlichkeit, von Zeit, von kleinen Freuden. Aber das letzte Wort war noch nicht gesprochen.
…Fortsetzung folgt…


