Mm-Spanking

Die Fußball-Ultras

In der Stadt Eisenbrück schlug das Herz im Takt zweier Trommeln – einer blauen und einer roten. Seit Generationen teilte sich die Stadt in zwei Lager: die Blauen Löwen vom Nordufer und die Roten Falken vom Süden. Zwei Vereine, zwei Stadien, zwei Welten. An der Grenze zwischen beiden Vierteln verlief der Fluss Rheinau, über dessen alte Brücke man in wenigen Minuten vom blauen zum roten Gebiet gelangte – doch fast niemand tat es freiwillig.

Marcus und Jonas wuchsen in denselben grauen Plattenbauten im neutralen Viertel auf, dort, wo sich Blau und Rot mischten – oder zumindest versuchten, einander aus dem Weg zu gehen. Schon als Kinder kickten sie stundenlang auf dem Bolzplatz, träumten davon, einmal im großen Stadion zu stehen. Doch dann kam die Zeit, in der man sich entscheiden musste: Blau oder Rot. Marcus folgte seinem Vater zu den Blauen Löwen, Jonas tat es ihm gleich. Beide schlossen sich den Ultras des Vereins an – erst wegen der Musik, der Choreos, der Leidenschaft. Dann wegen der Gemeinschaft.

Eisenbrück lebte für die Derbys. Schon Tage vorher hängten Banner über den Straßen: „Nord regiert!“„Süd bleibt standhaft!“ Die Polizei zog zusätzliche Kräfte zusammen, Bars schlossen früher, Busse wurden umgeleitet.

Marcus stand im Block der Blauen, Bengalo in der Hand, sein Herzschlag im Takt der Trommeln. Jonas an seiner Seite, die Stimme heiser vom Singen, mit dem Blick auf das Meer aus Roten gegenüber. Als in der 78. Minute ein Foul eskalierte und Bierbecher flogen, brach das Chaos aus. Fans überkletterten einen Zaun, Rauch stieg auf, Schreie hallten durch die Arena als die rivalisierenden Fans aufeinander losgingen. In der Menge verlor Marcus das Gleichgewicht, stürzte, doch ehe er sich versah, zog ihn jemand an den Armen aus der brodelnden Masse. Es war Jonas. Für einen Moment standen sie da, außerhalb des Tumults, atemlos, verrußt, jeder in den Farben des Vereins. Später, in einer kleinen Kneipe am Fluss, saßen sie nebeneinander. Schweigend, mit blutigen Knöcheln und einem Bier vor sich. Draußen hörte man noch das Heulen der Sirenen, aber hier drinnen war es ruhig. „Danke für deine Hilfe vorhin! Weißt du“, sagte Marcus schließlich, „ich liebe diesen Verein. Aber manchmal hasse ich, was daraus wird.“ Jonas nickte. „Ich auch. Vielleicht lieben wir den falschen Teil davon.“ Sie stießen an. Auf Freundschaft. Auf Fußball. Auf all das, was dazwischen lag.

Am nächsten Morgen hingen die ersten neuen Banner über den Straßen und Graffiti zierten die alte Brücke. „Blau bleibt treu!“ und „Rot niemals unter!“

Als sie sich am Abend im alten Versammlungskeller, unter der Nordtribüne, mit den anderen trafen, war dieser voller Rauch. An den Wänden hingen zerknitterte Banner der Blauen Löwen, auf dem Tisch stapelten sich Bierdosen und vergilbte Fotos aus alten Derbys. Heute war die Stimmung anders – nicht ausgelassen wie sonst, sondern geladen. In der Mitte stand Rico, der Anführer der alten Garde, groß gebaut, ein Bär von Mann, mit einem Gesicht, das schon zu viele Nächte in der Kurve gesehen hatte. Neben ihm Timo und Sven, beide seit über zwanzig Jahren im Block, Männer, die bekannt in der Szene waren und deren Wort Gewicht hatte.

Rico schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Das Echo hallte durch den Raum. „Jetzt hört mir mal alle gut zu,“ begann er. „Das, was da draußen passiert, ist kein Spaß mehr. Jede Nacht neue Schmierereien, jede Woche ’ne neue Rechnung vom Verein. Wir reden hier nicht über Revierkämpfe, wir reden über Geld – unser Geld!“ Er sah in die Runde. Viele der Jüngeren – Marcus, Jonas und ein halbes Dutzend weiterer junger Erwachsener – schauten betreten zu Boden. Timo trat einen Schritt vor. „Ihr denkt, das ist cool, wenn ihr die Roten provoziert. ’Ne Nachtaktion, bisschen Farbe, paar Fotos für Insta – aber wisst ihr, was das dem Verein kostet? Über zehn Riesen allein im letzten Monat. Dafür könnten wir Choreos bauen, neue Trommeln holen, Busse mieten für Auswärtsspiele!“

Ein Raunen ging durch die Gruppe. Einer der Jüngeren, ein schmaler Typ namens Luca, wagte zu murmeln: „Aber die Roten haben doch angefangen, die sind letzte Woche über unsere Wand…“ Rico schnitt ihm das Wort ab. „Ja, und? Wenn die springen, springst du hinterher? Wir sind Löwen, keine Straßenkinder. Wir haben Regeln. Und wer die bricht, zieht den ganzen Block mit runter.“ Er machte eine Pause, sah jeden Einzelnen an. „Ich will’s ganz klar sagen: Wenn noch einmal jemand nachts mit Dosen rumrennt, ohne dass wir’s abgesprochen haben, ist er raus. Kein Block, kein Banner, keine Choreo. Wir schützen unsere Leute, aber nur, wenn sie sich wie Brüder benehmen – nicht wie Kinder.“ Sven nickte und fügte hinzu: „Wir haben uns diesen Respekt hart erarbeitet. Jahrelang. Die Polizei hat uns in Ruhe gelassen, der Verein hat uns akzeptiert, weil wir uns im Griff haben. Und ihr wollt das alles riskieren – wegen ein paar Sprüchen an der Wand?“ Jonas hob zaghaft den Blick. „Wir wollten nur zeigen, dass wir’s ernst meinen. Dass wir bereit sind, was zu tun.“ Rico trat näher, blieb direkt vor ihm stehen. „Junge, Mut zeigst du im Block. Wenn du bei Null Grad die Trommel schlägst, wenn du die Stimme verlierst beim Singen, wenn du den Rücken deines Bruders deckst, wenn’s kracht. Nicht, wenn du mit Spraydosen durch die Stadt ziehst. Das ist kein Mut – das ist Dummheit.“ Stille. Nur das Brummen der alten Kühlschranktür war zu hören.

Dann senkte Rico die Stimme, fast ruhig, aber umso ernster: „Ihr habt zwei Wege. Entweder ihr haltet euch an die Regeln und werdet Teil von was Echtem – oder ihr macht euer eigenes Ding und steht draußen. Und glaubt mir, draußen ist kalt. Da fragt keiner mehr nach euch.“ Langsam nickten die Jüngeren. Selbst die Lauten sagten nichts mehr. Man hörte nur das Klicken, als Rico sein Feuerzeug aufklappte und eine Zigarette anzündete. „Ich geb euch einen Tipp,“ sagte er, als der Rauch aufstieg. „Ein Löwe brüllt nicht, um Aufmerksamkeit zu kriegen. Er brüllt, wenn’s nötig ist.“ Dann drehte er sich um, ließ sie stehen – nachdenklich, still, mit einer Mischung aus Scham und Angst im Bauch.

Nach der Versammlung blieb der Rauch des Kellers noch lange in ihren Kleidern hängen. Marcus und Jonas gingen schweigend nebeneinander her, die Hände tief in den Jackentaschen. „Er hat recht,“ sagte Jonas irgendwann. „Wir haben’s übertrieben.“ Marcus nickte, doch seine Stimme klang widerspenstig. „Mag sein. Aber jedes Mal, wenn ich an der roten Wand vorbeigeh, seh ich deren Zeichen über unserem. Die lachen sich kaputt. Die denken, wir hätten Angst.“ Jonas blieb stehen. „Das ist’s doch, was Rico meinte. Wir sollen keine Kinder mehr sein.“ Marcus sah ihn an. Seine Augen glitzerten im Licht einer Straßenlaterne – ein Mix aus Wut und Ehrgeiz. „Vielleicht. Aber wenn wir gar nichts tun, verlieren wir unser Revier. Und dann lachen sie nicht nur – sie kommen rüber. In unseren Block. In unsere Stadt.“ Jonas schwieg. Er wusste, Marcus war stur. Er hatte dieses Feuer in sich, das kaum jemand löschen konnte.

Die Tage danach waren ruhig – fast zu ruhig. Die Älteren hielten Wort: keine Nachtaktionen, keine heimlichen Streifzüge. Selbst das Sprühzeug verschwand aus den Rucksäcken. Doch unter der Oberfläche brodelte es. Auf Social Media tauchten neue Fotos der Roten Falken auf: frisch gesprühte Parolen direkt am Rand des Nordviertels. Kommentare darunter: „Blau traut sich nicht mehr raus.“„Die Löwen sind zahm geworden.“ Als Marcus das sah, ballte er die Fäuste. „Das geht zu weit,“ knurrte er. „Die machen sich über uns lustig. Direkt in unserem Viertel!“ Jonas versuchte zu beschwichtigen. „Ignorier’s! Wenn wir jetzt reagieren, beweisen wir nur, dass sie’s geschafft haben.“ Aber Marcus schüttelte den Kopf. „Nein. Wir müssen zeigen, dass wir noch da sind. Nicht für die Älteren – für uns.“ Er sah Jonas an. „Nur eine einfache Erinnerung, dass Blau noch lebt.“ Jonas zögerte. In seinem Kopf hallten Ricos Worte nach: „Ein Löwe brüllt nur, wenn’s nötig ist.“ Aber er kannte Marcus. Wenn er ihn nicht begleitete, würde er allein gehen – und das könnte schlimmer enden. Also nickte er schließlich. „Okay. Aber nur einmal. Und niemand darf’s erfahren.“

In derselben Nacht trafen sie sich am Rand des alten Güterbahnhofs, dort, wo die Stadt im Dunkel verschwamm. In den Straßen roch es nach kaltem Rauch, Bier und frischer Farbe. Überall hingen Fetzen von Bannern, Sticker klebten auf Laternen und an den Wänden prangten die alten Schlachtrufe beider Seiten. Marcus öffnete den Rucksack – das metallische Klacken der Spraydosen klang in der Stille wie ein Geheimnis. Marcus und Jonas standen im Schatten einer Seitenstraße, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, die Rucksäcke voll mit Dosen – Rot, Blau, Schwarz, Silber. „Du weißt, wenn uns jemand sieht, sind wir geliefert,“ murmelte Jonas, während er die Düse einer Dose prüfte. Marcus grinste. „Wenn wir’s richtig machen, redet morgen die ganze Stadt davon.“

Seit Wochen hatte sich der Streit zwischen den Fangruppen hochgeschaukelt. Die offiziellen Vereinswände – die einzige Fläche, wo Graffiti erlaubt war – wurden zum Symbol der Macht. Kaum hatte die eine Seite ihr Logo gesprüht, kam die andere und übersprühte es. Doch diesmal wollten Marcus und Jonas mehr. Eine Botschaft setzen. Eine Nacht lang der Stadt zeigen, wem Eisenbrück wirklich gehörte.

Sie begannen am alten Bahndamm, dort, wo das Viertel der Roten endete. Die Steine waren kalt und rau, der Wind zog über den Fluss. Zisch, zisch, zisch. Die Buchstaben entstanden: „BLAU BLEIBT EWIG“. Jonas’ Herz schlug schneller. „Du musst zugeben, es sieht gut aus,“ flüsterte Marcus. Jonas nickte, doch seine Hände zitterten leicht. Sie zogen weiter. Durch schmale Gassen, vorbei an alten Ziegelwänden, über Schulhöfe und Hinterhöfe. Immer wieder lauschten sie – ein Auto, ein Hund, Schritte? Dann weiter. An einer Kreuzung, direkt gegenüber dem Vereinsheim der Roten Falken, blieb Marcus stehen. „Hier. Das ist der perfekte Ort.“ Jonas starrte auf die rote Backsteinwand. Das Wappen der Falken prangte darauf – kunstvoll, von den älteren Ultras gemalt. Es galt fast als heilig. „Das können wir nicht machen,“ sagte er leise. „Doch,“ antwortete Marcus und in seiner Stimme lag eine Mischung aus Trotz und Entschlossenheit. „Wenn wir das schaffen, sind die Blauen wieder im Geschäft.“

Ein Windstoß wehte Müll über die Straße. Jonas sah zu, wie Marcus die Dose anhob. Ein erster blauer Strahl zischte über das rote Wappen. „Hör auf,“ sagte Jonas, doch Marcus sprühte weiter. Da packte Jonas ihn am Arm. Die Dose fiel zu Boden, rollte über den Asphalt. Einen Moment lang standen sie sich gegenüber. „Du weißt nicht, was du tust,“ flüsterte Jonas. „Doch,“ antwortete Marcus. „Ich weiß genau, was ich tue.“

Plötzlich hörten sie Schritte, Kies knirschte unter schweren Schritten. Marcus flüsterte: „Versteck dich!“ Sie sprangen hinter einen alten Container. Eine Taschenlampe blitzte auf – zwei Silhouetten erschienen, älter, kräftig. Stimmen waren zu hören. „Sag ich doch, die Kleinen halten sich nicht dran,“ knurrte eine davon. „Rico hat’s vorausgesehen.“ Jonas’ Herz raste. Er erkannte die Stimmen – Timo und Sven. Die Älteren hatten eine Streife durch ihr Viertel gemacht. „Scheiße,“ hauchte Marcus. „Wenn die uns erwischen …“ Die Schritte kamen näher, dann entfernten sie sich wieder. Offenbar hatten die Männer nur eine Runde gedreht. Erst als die Lichter verschwanden, wagten die beiden, wieder zu atmen. Jonas starrte auf den Schriftzug, der im Mondlicht schimmerte. „Wir hätten das lassen sollen,“ flüsterte er. Marcus antwortete nicht. Sein Blick war starr – stolz, trotzig, ein bisschen verloren.

Als Timo und Sven nicht mehr zu sehen waren, rannten sie los ohne nachzudenken. Über Zäune, durch Hinterhöfe, die Dosen klirrten in den Rucksäcken. Erst am Flussufer blieben sie stehen, keuchend, mit zitternden Händen. „Das war knapp,“ japste Marcus. Jonas sah ihn an – in seinem Blick lag keine Erleichterung, sondern Angst. „Du hast’s wirklich getan,“ sagte er leise. „Hoffentlich geht das gut.“ Marcus öffnete den Mund, wollte etwas sagen, aber keine Worte kamen.

Am nächsten Morgen berichteten alle Lokalblätter vom „nächtlichen Farbkrieg“. Das neue Graffiti am Vereinsheim der Roten Falken war überall Thema – auf den Straßen, in den Kneipen, in den sozialen Medien. Fotos der beschmierten Wand kursierten mit Kommentaren wie „Respektlosigkeit kennt keine Grenzen“ und „Das hat nichts mehr mit Fankultur zu tun“. Doch die Empörung machte nicht nur die Stadt unsicher – sie erreichte auch die Vereine selbst. Noch am selben Tag veröffentlichte der Verein ein Schreiben auf seiner Website und über Lautsprecher am Trainingsgelände:

„Der Vorstand der Blauen Löwen distanziert sich entschieden von den Schmierereien am Vereinsheim der Roten Falken. Dieses Verhalten widerspricht den Werten unseres Vereins und schadet nicht nur unserem Ansehen, sondern auch unserer Gemeinschaft. Die Reinigungskosten belaufen sich auf über 18.000 Euro – eine Summe, die wir uns derzeit nicht leisten können. Wir bitten alle Fans, insbesondere die Ultras, Hinweise auf die Täter zu geben. Loyalität bedeutet Verantwortung – nicht Zerstörung.“

Das Schreiben traf die Fanszene wie ein Donnerschlag. In den Foren der Blauen brodelte es. Manche verteidigten die Aktion als „Zeichen der Revierhoheit“. Andere warnten: „Wenn der Verein sich gegen uns stellt, ist das der Anfang vom Ende.“ Doch die Älteren – die alte Garde der Ultras, Männer mit grauen Haaren und vernarbten Knöcheln – reagierten anders.

Am Abend rief Rico die alten Ultras zusammen – Timo, Sven, Marek und zwei weitere aus der Gründungsgeneration. Im Keller war es stiller als sonst, kein Lachen, kein Klirren von Flaschen. „Ich hab gesagt, keine Aktionen,“ begann Rico ruhig. „Und jetzt steht mitten im Viertel ein Schriftzug, den jeder sehen kann. Das ist kein Zufall. Das war geplant.“ Sven nickte. „Ich war in der Nacht draußen. Zwei Schatten hab ich gesehen, schnell und jung. Einer von ihnen trug ’ne Kapuze mit unserem Wappen drauf.“ Rico seufzte. „Dann wissen wir, wo wir suchen müssen.“ Er sah zu Marek. „Schick eine Nachricht an alle Jüngeren. Versammlung morgen Abend. Vollzählig. Wer nicht kommt, zeigt schon, dass er was zu verbergen hat.“

Marcus und Jonas bekamen die Nachricht am Nachmittag. „Pflichtversammlung. Anwesenheit wird erwartet. Keine Ausreden.“ Jonas spürte sofort, was das bedeutete. „Sie wissen’s,“ sagte er leise. Marcus starrte auf den Bildschirm, dann steckte er das Handy weg. „Vielleicht. Aber wir sagen nichts. Wir haben niemanden verraten, niemanden geschadet. Rico wird sich wieder beruhigen.“ Jonas schüttelte den Kopf. „Er hat uns vertraut. Und wir haben’s gebrochen.“ Marcus widersprach: „Wir haben’s getan, um den Verein zu verteidigen. Das ist was anderes.“ Aber tief in sich wusste er, dass Jonas recht hatte.

Am nächsten Abend war der Keller überfüllt. Dutzende standen dicht gedrängt, die Stimmung schwer wie Blei.
Rico trat nach vorn, die Hände in den Taschen, das Gesicht ernst. „Wir haben’s euch gesagt. Keine Aktionen mehr außerhalb der genehmigten Wände. Keine Eskalationen. Und was passiert? Jetzt hängen wir als Vandalen da – und der Verein droht, uns aus dem Stadion zu werfen.“ Ein Murmeln ging durch die Reihen der Jüngeren. „Aber Rico,“ warf einer ein, „die Roten haben uns provoziert! Sie haben letzte Woche unsere Wand übersprüht!“ Rico schlug mit der Faust auf den Tisch. „Und deswegen riskiert ihr unseren Platz im Block? Unsere Lizenzen? Unsere Beziehungen zum Verein?“ Er sah in die Runde. „Ich will wissen, wer’s war.“ Niemand sagte ein Wort. Nur das Summen der alten Neonröhre füllte den Raum. „Wenn wir’s rausfinden,“ fuhr Rico fort, „wird das intern geregelt. Wir brauchen keine Polizei. Aber wer sowas macht, der wird dafür geradestehen müssen. Verstanden?“ Langsam nickten alle. Doch in den hinteren Reihen tauschten zwei Gestalten einen kurzen, nervösen Blick – Marcus und Jonas.

In den Tagen danach spürten beide, wie sich das Netz enger zog. Überall wurde getuschelt, Namen fielen, Verdächtigungen machten die Runde. Die älteren Ultras beobachteten die Jüngeren genau. Einer hatte angeblich gesehen, wie zwei Typen mit Rucksäcken in der Nacht unterwegs waren. Ein anderer meinte, er hätte auf einem Überwachungsvideo jemanden erkannt. Jonas konnte kaum noch schlafen. „Wenn sie’s rausfinden, sind wir geliefert,“ sagte er eines Abends. Marcus versuchte zu lächeln, doch sein Blick war leer. „Ich wollte nur was beweisen … jetzt will ich’s einfach nur rückgängig machen.“ Doch dafür war es zu spät. Der Verein hatte eine Belohnung für Hinweise ausgesetzt und die älteren Ultras hatten ihre eigenen Methoden, um an Informationen zu kommen.

Am Freitagabend, kurz vor dem nächsten Heimspiel, wurden Marcus und Jonas zu einem „Gespräch“ gerufen – im selben Keller unter der Tribüne. Der Keller war überfüllt. Die Luft war schwer vom Geruch alter Farbe, vom Kaffee der Alten und der Spannung, die wie ein unsichtbares Band durch den Raum zog. Jeder Junge, der da war, wusste: Heute würde es Konsequenzen geben.

Rico ließ Marcus und Jonas nach vorne treten. Die älteren Ultras bildeten einen Kreis um sie, doch so, dass jeder der Jüngeren genau sehen konnte, was geschah. „Dies soll ein Beispiel sein – für alle, die denken, sie könnten sich über Regeln stellen. Wir dulden keinen Egoismus, keine Rücksichtslosigkeit. Nur wer Loyalität zeigt, gehört zu uns.“

Rico trat nach vorn, in seiner rechten Hand den Ausdruck eines Fotos: Zwei vermummte Gestalten, mitten in der Nacht, vor dem Vereinsheim der Roten. „Ihr zwei habt’s also getan,“ sagte Rico leise. Kein Schrei, keine Drohung – nur Enttäuschung. „Ihr habt uns verraten. Nicht den Verein – uns. Die, die euch aufgenommen haben.“ Jonas senkte den Kopf. Marcus ballte die Fäuste. „Wir wollten nur zeigen, dass wir’s ernst meinen,“ flüsterte Marcus.

„Spart euch die Ausreden,“ unterbrach ihn Rico scharf. „Ihr habt das Vertrauen der ganzen Gruppe missbraucht. Ihr habt nicht nur euch selbst, sondern auch alle anderen in Gefahr gebracht.“ Timo trat nach vorne, die Arme verschränkt. „Wir haben euch alles erklärt. Wir haben euch gezeigt, wie viel Arbeit es kostet, die Stadt sauber zu halten, wie wichtig Loyalität ist. Und ihr habt’s ignoriert, damit seid ihr raus.“ Erschrocken sahen sich Marcus und Jonas an. „Aber das könnt ihr nicht machen! Können wir das nicht anders regeln? Die Löwen sind unser Leben!“, bat Marcus verzweifelt. Die Älteren sahen sich an, überlegten, schließlich nickte Sven. „Das war mehr als nur ein Streich. Das war ein Schlag ins Gesicht des Vereins. Wir müssen zeigen, dass Regeln nicht gebrochen werden. Sonst glaubt jeder, er könnte tun, was er will.“ Marek fügte hinzu: „Und diesmal gibt es keine zweite Chance. Wenn ihr denkt, dass ihr einfach davonkommt, täuscht ihr euch.“

Rico holte tief Luft. Dann sah er Marcus und Jonas direkt in die Augen. „Wie ihr wisst, gab es früher schon Strafen. Aber diesmal ist es ernster.“ Er machte eine kurze Pause, um die beiden die Angst spüren zu lassen. „Ihr werdet vor allen hier im Keller zur Rechenschaft gezogen. Kein Rumgeeiere. Danach werdet ihr die Schmierereien persönlich entfernen, jede Wand, jedes Banner – unter Aufsicht. Und ihr werdet doppelte Dienste leisten für den Verein, bis die Kosten ersetzt sind, die ihr verursacht habt. Und es endet nicht nur bei Arbeit. Ihr werdet von den Älteren öffentlich gemaßregelt. Keine Diskussion.“ Marcus und Jonas schluckten schwer, doch ein kurzer Blick genügte und sie stimmten der Strafe zu.

Sofort ergriffen zwei Ältere Marcus und Jonas im Nacken, führten die beiden hinüber zum Tisch, beugten sie darüber und hielten sie fest. „Beine auseinander!“ Sven und Timo traten hinter sie und lösten ihre Gürtel. Die Gürtelschnallen klapperten. Jonas versuchte über seine Schulter zu blicken, doch Marek hatte ihn fest im Griff. Plötzlich hörte er Ricos tiefe Stimme. „Wir zeigen heute, was passiert, wenn man vergisst, dass Loyalität Verantwortung heißt – und Respekt. Das hier ist kein Spielplatz mehr. Ihr habt uns vor allen lächerlich gemacht. Jetzt seht zu, wie man Verantwortung trägt.“ Damit gab er Sven und Timo ein Zeichen, die sich daraufhin neben Marcus und Jonas aufstellten. Und schon ging es los.

Fast zeitgleich zuckten Marcus und Jonas zusammen, als die Lederriemen sie das erste Mal hart auf die engen Jeanshosen trafen. „Sssh!“, atmete Jonas hörbar aus und hastig wieder ein und auch Marcus kniff die Augen zusammen. Viel Zeit blieb ihnen nicht, da schnellten die Gürtel auch schon ein zweites Mal heran. Ein lautes Klatschen hallte durch den Keller. Es folgte Schlag auf Schlag, pausenlos. Jonas Puls raste, sein Atem ging keuchend, die Schläge kamen hart und verursachten schon nach kurzer Zeit ein heftiges Brennen auf seiner Kehrseite. Er versuchte seinen Hintern aus der Schussbahn zu drehen, wurde jedoch von Marek daran gehindert. Unruhig wechselte er von einem Bein auf das andere, doch auch das half nicht wirklich gegen die zunehmenden Schmerzen. Marcus erging es nicht anders. Stöhnend, zuckte sein Bein immer wieder nach oben, wenn ihn der Gürtel auf den unteren Teil der Backen oder am Oberschenkel traf.

Plötzlich stoppten Sven und Timo, auf ein Zeichen von Rico. Marek ließ Jonas los, der sich schnell aufrichtete und seinen Hintern durch die Jeans rieb und auch Marcus durfte sich erheben. „Hosen runter!“, ertönte ruhig, aber bestimmt Ricos nächste Anweisung. Ein Raunen ging durch die Umstehenden. Marcus riss die Augen auf. „Was? Das kann nicht dein Ernst sein!“ Und auch Jonas schüttelte den Kopf. „Niemals Rico! Wir sind erwachsene Männer, wir machen uns doch lächerlich vor allen.“ Doch Rico blieb unbeeindruckt von ihren Argumenten. „Entweder ihr akzeptiert die ganze Strafe oder ihr seid raus. Es liegt bei euch!“

„Das ist nicht fair!“, brach es aus Marcus heraus. „Fair? Fair war es nicht, sich gegen uns zu stellen und uns in den Schmutz zu ziehen!“, knurrte Rico zurück. „Also was ist nun?“ Jonas wusste, dass sie keine Wahl hatten und begann die Knöpfe seiner Jeans zu öffnen. Marek zögerte noch einen Moment, hin- und hergerissen, doch dann folgte er Jonas Beispiel. Mit einem wütenden Ruck zog er seine Hose bis hinunter in die Kniekehlen und sah Rico wütend an. Im Gegensatz zu Jonas, der in blauen Boxershorts, neben ihm stand, die Jeans um die Knöchel baumelnd, hatte Marcus keine Unterwäsche an. Erneut ging ein Raunen durch die Reihen. Pfiffe ertönten. Überrascht hob Rico eine Augenbraue. „Gleiche Bedingungen für beide. Also kommt die auch runter, Jonas.“ Damit zeigte er auf die blauen Boxershorts. Jonas genierte sich und sah ihn entnervt an. ‚Mensch Marcus!‘, dachte er wütend, fügte sich dann aber und die Boxershorts fiel.

Sofort wurde er von Marek erneut gepackt und im Nacken nach unten gedrückt, ein anderer ergriff seine Handgelenke. Marcus erging es genauso. ‚Wie peinlich!‘, dachte er. Mit weit herausgestreckten blanken Hinterteilen warteten sie auf die Fortsetzung der Strafe, während all ihre Freunde dabei zusahen. Einige mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht, die Jüngeren hingegen eher mit entsetzten und beschämten Blicken. Es war kein Gewaltakt, aber deutlich demütigend – ein Zeichen, dass Regelbruch Konsequenzen hatte.

Rico gab Sven und Timo erneut ein Zeichen und das laute Klatschen des Leders auf nackter Haut erfüllte den Raum. Diesmal gepaart vom Stöhnen der beiden Schuldigen. „Aaah!“ Marcus verzog das Gesicht vor Schmerz schon beim ersten Treffer. „Fuck, tut das weh!“ Der Gürtel hinterließ einen dunklen roten Striemen auf der bereits geröteten Haut. Nochmals versuchte er sich wegzudrehen, aber ohne Erfolg. Wieder und wieder traf sie der Lederriemen fest und das Jammern der beiden wurde immer lauter. „Auuu! Ah! Stop! Aufhören!“

Verzweifelt wanden sie sich beide unter den festen Hieben, warfen immer wieder die Beine in die Luft. Doch alles Zappeln half nichts, zielsicher traf sie der Klatschriemen, bis ihre Hinterteile von roten Striemen übersät waren und auch der Übergang zu den Oberschenkeln deutlich Farbe angenommen hatte. „Bitte nicht mehr! Biiiitte!“, flehten sie inständig im Duett. Bis Rico ein Einsehen hatte und der Meinung war, dass die erhaltene Strafe genügte. Auf sein Zeichen ließen Sven und Timo die Arme sinken und begannen die Gürtel wieder umzulegen. „ich hoffe, dass war euch allen ein mahnendes Beispiel, was passiert, wenn ihr euch nicht an die Regeln haltet.“, rief er laut. Die meisten nickten und senkten die Blicke. Die tiefroten Hinterteile der beiden und die schmerzerfüllten Schreie hatten Eindruck hinterlassen.

Als Marek und die anderen Älteren die beiden losließen, zogen diese blitzschnell ihre Hosen wieder hoch. Erschöpft standen Marcus und Jonas da und rieben ihre brennenden Hintern. Ihre Köpfe hingen, aber tief im Inneren spürten sie auch eine seltsame Erleichterung. „Wir haben’s verkackt,“ flüsterte Jonas. „Ja,“ antwortete Marcus, „aber jetzt wissen wir, was Loyalität bedeutet.“ Rico trat einen Schritt zurück. „Ihr habt jetzt die Chance, es wieder gutzumachen. Tut, was ich gesagt habe. Und vielleicht – nur vielleicht – kehrt ihr stärker zurück als je zuvor.“ Die beiden Freunde nickten, stumm, aber entschlossen. Denn eins hatten sie gelernt: In Eisenbrück waren Regeln keine Vorschläge – und Loyalität war härter als jede Farbe an der Wand.

Am nächsten Morgen standen Marcus und Jonas mit Farbresten an den Händen vor dem Vereinsheim der Roten Falken. Neben ihnen ein Vereinsvertreter, zwei ältere Ultras – Aufpasser, Zeugen, Richter zugleich. Die beiden Jungen schwiegen, während sie mit Lösungsmitteln und Bürsten die Farbe entfernten, die sie selbst gesprüht hatten. Stundenlang arbeiteten sie, mit noch immer schmerzenden Hinterteilen. Die Sonne brannte, die Dämpfe stachen in den Augen und Passanten blieben stehen. Einige erkannten sie. Andere machten Fotos. Es war genau das, was Rico wollte: eine Lektion, die man nicht vergisst. Am Nachmittag mussten sie zum Vereinsbüro der Blauen Löwen, um sich offiziell zu entschuldigen. Vor dem Vorstand, den Jugendtrainern, sogar vor einem Lokalreporter, las Marcus stockend von einem Blatt: „Wir haben dem Verein geschadet. Wir wollten Stärke zeigen, aber am Ende haben wir nur Spaltung geschaffen. Wir bitten um Entschuldigung – und übernehmen die Verantwortung für die Reinigungskosten.“ Der Vereinsvorsitzende nickte, ernst, aber nicht unfreundlich. „Jeder macht Fehler,“ sagte er. „Wichtig ist, dass man draus lernt. Ihr helft uns ab morgen beim Jugendtraining. Vielleicht zeigt ihr den Kleinen, was echte Leidenschaft ist.“

Über Wochen arbeiteten Marcus und Jonas für den Verein: Sie strichen Banden neu, reparierten Sitzreihen, verkauften Lose bei Jugendspielen. Das Geld, das sie sammelten, floss direkt in die Reparatur der beschädigten Flächen. Die Älteren beobachteten sie genau. Kein Lob, keine Anerkennung – aber sie ließen sie gewähren. Langsam begannen die anderen Ultras, wieder mit ihnen zu reden. Erst kurz angebunden, dann mit einem Nicken, schließlich mit einem Schulterklopfen. Es dauerte, doch irgendwann standen Marcus und Jonas wieder im Block, nicht mehr in der ersten Reihe, aber dabei. Rico trat eines Abends neben sie, sah hinüber zum Spielfeld, wo die Flutlichter das Stadion in blaues Licht tauchten. „Ihr habt’s verstanden, oder?“ fragte er ruhig. Marcus nickte. „Ja. Wir waren Idioten.“ Rico grinste kaum merklich. „Gut. Dann seid ihr jetzt vielleicht endlich richtige Löwen.“

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