Three men working on scaffolding beside a tall brick wall with barbed wire on top
Mm-Spanking

Luis – Die Flucht

Fortsetzung der Luis-Geschichten…

Die Horizont Besserungsanstalt lag am Rand einer kleinen Stadt, irgendwo zwischen Feldern, Wald und dem Gefühl, vergessen worden zu sein. Die Anstalt war wie eine kleine Stadt inmitten der Mauern aufgebaut, nur ohne Freiheit. In der Mitte das Haupthaus – ein massiver Bau aus Beton, in dem der Direktor residierte, die Lehrer ihre Büros hatten und Entscheidungen getroffen wurden, die niemand von ihnen je hinterfragen durfte. Drumherum standen mehrere flache Gebäude: Schlafräume mit schmalen Betten, Unterrichtsräume für die Jüngeren mit vergilbten Tafeln und Werkstätten, in denen die Älteren tagsüber arbeiteten. Und alles war eingeschlossen von einer hohen, glatten Mauer, die wie ein Versprechen wirkte: Hier kommt niemand raus. Alles grau in grau, dazu feste Abläufe – jeder Tag war gleich. Für viele der jungen Erwachsenen war das der Sinn des Ganzen.  

Für Luis war es ein Käfig. Sechs Monate hatte er durchgehalten. Seit sechs Monaten zählte er hier die Tage – oder besser gesagt: die Nächte. Die Tage waren streng durchgetaktet, laut, überwacht. Wecken um sechs, Unterricht, Arbeiten, Schweigen, Regeln. Zu viele Regeln. Selbst die Pausen fühlten sich kontrolliert an. „Ich halt das nicht mehr aus“, murmelte er eines Abends, als er mit Nick und Paul im Aufenthaltsraum saß. Die Stimmen der anderen hallten gedämpft durch den Raum, irgendwo klapperte Geschirr. Nick sah nicht einmal auf. „Du hältst es schon sechs Monate aus.“ Leise entgegnete Luis: „Genau das ist das Problem. Ich will hier nicht noch ein halbes Jahr absitzen und so tun, als würde mich das alles… besser machen.“ Paul, der bisher geschwiegen hatte, runzelte die Stirn. „Und was ist dein Plan? Dich unter der Mauer durchgraben?“ Luis beugte sich vor. Seine Stimme wurde noch leiser. „Vielleicht, auf jeden Fall hauen wir ab.“ Jetzt sah Nick doch auf. Ein kurzer Blick zwischen den dreien. Etwas änderte sich in der Luft. „Du meinst… fliehen?“, fragte Paul. Luis nickte. Paul schnaubte leise. „Das ist verrückt.“

„Vielleicht“, sagte Luis. „Aber ich meine es ernst.“ Nick lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. Sein Blick wurde wach, prüfend. „Selbst wenn – hier rauszukommen ist nicht einfach. Die hohe Mauer, Nachtwachen und unsere Betreuer, die ständig ihre Runden drehen.“ Luis sah ihn verschwörerisch an. „Deshalb brauche ich dich“, sagte er direkt. Ein Hauch von Stolz blitzte in Nicks Gesicht auf, auch wenn er es sofort zu verbergen versuchte. „Wenn es einen Weg gibt“, murmelte er, „dann finde ich ihn.“ In den nächsten Tagen sprach niemand offen darüber. Doch zwischen Blicken, beiläufigen Bemerkungen und scheinbar harmlosen Routinen begann sich ein Plan zu formen. Nick beobachtete alles. Wann die Betreuer ihre Runden machten. Wo die Nachtwachen eingesetzt waren und wann sie ihre Pausen machten. Welche Tür nicht ganz richtig schloss oder alt genug waren, um nachzugeben. Schließlich kam ihm der Zufall zu Hilfe.  Ein Abschnitt der Mauer sollte verstärkt werden. Gerüste wurden aufgebaut, Material angeliefert und plötzlich gab es etwas, das vorher gefehlt hatte: Unordnung, Bewegungen außerhalb des üblichen Ablaufs. Neue Gesichter. Und vor allem – Lücken. „Das ist unsere Chance“, hatte Luis eines Abends geflüstert, während sie im Schlafraum lagen. Seine Stimme war ruhig, aber entschlossen. Nick hatte sofort verstanden. Paul brauchte ein paar Sekunden länger, doch dann nickte auch er. Sie beobachteten alles. Wann die Bauarbeiter kamen. Wann sie gingen. Wann die Nachtwachen ihre Runden änderten. Und vor allem: den Wachwechsel am späten Abend, wenn für wenige Minuten alles ein wenig unübersichtlicher wurde.

Der Abend legte sich wie ein grauer Schleier über die Besserungsanstalt. Zwischen den Gebäuden hing noch der Lärm des Tages, doch langsam wurde es ruhiger. Für die meisten bedeutete das nur das Ende eines weiteren eintönigen Tages. Für Nick bedeutete es etwas anderes. Er hatte es zuerst bemerkt. „Da ist ein Moment“, flüsterte er eines Abends im Schlafraum, während die anderen längst still waren. „Beim späten Wachwechsel zwischen 22:00 Uhr und 22:07 Uhr sind nur zwei Wachen am Gerüst – mehr nicht. Und für genau diese sieben Minuten ist sonst niemand da.“ Luis drehte den Kopf leicht zu ihm. „Bist du sicher?“ Nick nickte. „Hab´s drei Tage beobachtet.“ Paul überlegte. „Sieben Minuten – das ist nicht viel Zeit.“ Luis nickte. „Aber das muss reichen.“ Die nächsten Tage waren geprägt von angespanntem Warten. Sie verhielten sich unauffällig, machten ihre Aufgaben, hielten sich an die Regeln – zumindest nach außen. Innerlich lief längst ein Plan. Die Baustelle war ihr einziger Ausweg. Das Gerüst ragte hoch genug, um die Mauer zu überwinden. Und genau dort würde sich entscheiden, ob sie es schaffen oder nicht.

Am Abend ihres Versuchs war die Luft kühl. Draußen war es still. Zu still. Luis lag wach und starrte an die Decke, bis er das leise Klopfen hörte. Zweimal kurz. Einmal lang. Er stand auf. Im Flur trafen sie sich – Schatten zwischen Schatten. Kein Wort. Nur ein Nicken. Nick führte sie. Sie bewegten sich durch die Gänge, nutzten jeden Moment, den er vorausberechnet hatte. Ein kurzer Sprint, ein Innehalten, ein Abbiegen im richtigen Augenblick. Pauls Herz schlug so laut, dass er sicher war, man müsse es hören. Niemand sprach viel. Nick hatte die Route im Kopf, Luis wusste, wie man schnell und gezielt handelt und Paul… Paul hatte Angst, aber auch genug davon, hier zu bleiben.

Die beiden Wachen standen tatsächlich am Gerüst. Den Rücken halb zu ihnen gedreht, in ein Gespräch vertieft. Nick warf Luis einen kurzen Blick zu. „Jetzt“, murmelte Luis, kaum hörbar. Es ging schnell. Sie näherten sich lautlos von hinten. Der Moment war kurz, aber entschlossen. Kein Zögern. Jeder wusste, was zu tun war. Die Wachen hatten keine Zeit zu reagieren – ein schneller Zugriff, ein kurzes Gerangel, dann war es vorbei. Kein großes Geräusch, kein Alarm. Nur ein kurzer Kampf. „Schnell“, sagte Luis leise. Sie zogen die bewusstlosen Wachen aus und hinter einen Stapel Bretter, fesselten und knebelten sie und sorgten dafür, dass sie vorerst nicht entdeckt würden. Pauls Hände zitterten, aber er arbeitete weiter. Es musste schnell gehen. Keiner der drei sprach. Die Uniformen nahmen sie mit. Nicht perfekt sitzend, aber gut genug, um im Halbdunkel nicht sofort aufzufallen. „Los“, flüsterte Nick.

Luis war als Erster am Gerüst. Seine Hände zitterten leicht, nicht vor Angst, sondern vor dieser aufgeladenen Mischung aus Erwartung und Trotz, die ihn seit Tagen wach hielt. „Jetzt gibt’s kein Zurück mehr“, flüsterte Paul hinter ihm. Das Gerüst wirkte jetzt noch höher als sonst. Metall knirschte leise unter ihren Schritten, während sie hinaufkletterten. Jeder Griff musste sitzen. Jeder Schritt konnte sie verraten. Unter ihnen blieb es ruhig. Noch. Halb oben hörten sie ein Geräusch. „Schneller“, zischte Nick. Die Mauer wirkte von innen schon hoch – von außen, wusste er, würde sie noch höher erscheinen. Jetzt, halb im Dunkeln, fühlte sie sich endlos an. Oben angekommen, war die Mauer schmaler, als sie gedacht hatten. Unter ihm verschwand der Boden in Schatten. Für einen Moment hielten sie inne. Dahinter lag auf dieser Seite nichts als Wald und Dunkelheit. Freiheit – oder zumindest die Chance darauf. Luis sprang zuerst. Dann Nick. Paul sah noch einmal zurück. Die Gebäude, die sie sechs Monate lang eingeschlossen hatten. Die Fenster, die vergittert ,waren, Die Türen, die immer verschlossen wurden. Dann sprang er. Sie landeten hart, rollten sich ab und rannten weiter, ohne sich umzudrehen. Erst vorsichtig, geduckt, als würde jeden Moment ein Scheinwerfer sie erfassen. Mit jeder Minute wurden sie schneller, wilder. Der Boden wechselte von hartem Kies zu feuchter Erde, dann zu Gras. Zweige schlugen ihnen ins Gesicht, Wurzeln brachten sie ins Stolpern. Keiner sprach. Es gab nichts zu sagen – nur weiter, immer weiter weg. Die Nacht zog sich endlos. Irgendwann verlor Paul das Gefühl für Zeit, für Richtung. Nur der Rhythmus seiner Schritte blieb. Neben ihm hörte er Nicks Atem, schnell und hart. Luis lief vorne, als würde ihn etwas Unsichtbares ziehen. Einmal blieb er keuchend stehen. „Ich kann nicht—“ „Doch, kannst du“, sagte Nick scharf. „Noch ein Stück.“ Luis packte ihn am Ärmel. „Komm.“ Also lief er weiter. Hinein in die Dunkelheit, weg von den Mauern, weg von allem. Hinter ihnen blieb es einen Moment lang still. Dann – irgendwo in der Ferne – ein Ruf. Doch da waren sie längst verschwunden. Zu spät.

Zum ersten Mal seit einem halben Jahr fühlte sich die Luft anders an. Nicht freier – noch nicht. Aber offen genug, um zu hoffen. Und das reichte. Die Nacht zog sich endlos. Der Himmel begann irgendwann, sich minimal aufzuhellen – ein graues Versprechen von Morgen. Erst als ihre Beine schwer wurden und jeder Atemzug brannte, fanden sie einen Schuppen. Er stand am Rand eines verlassenen Feldes, schief, das Holz verwittert, die Tür halb aus den Angeln. Kein Licht, keine Geräusche. Perfekt. „Wir müssen runter vom Weg“, keuchte Nick. „Bei Licht sieht man uns.“ Luis drückte die Tür vorsichtig auf. Sie quietschte leise, aber niemand reagierte. Drinnen roch es nach Staub, altem Heu und Feuchtigkeit. „Rein“, flüsterte er. Sie schlüpften hinein und zogen die Tür so gut es ging wieder zu. Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann ließ Paul sich einfach auf den Boden sinken. „Ich spür meine Beine nicht mehr.“ Nick lehnte sich gegen die Wand, schloss kurz die Augen. „Wir sind weit genug weg… fürs Erste.“ Luis stand noch immer, sah durch einen Spalt nach draußen. Der Horizont färbte sich langsam heller. „Sie werden uns suchen“, sagte er leise. „Klar“, antwortete Nick. „Aber nicht hier. Noch nicht.“ Stille. Dann setzte sich auch Luis, den Rücken an die raue Wand gelehnt. Zum ersten Mal seit Monaten war keine Mauer zwischen ihm und der Welt. Nur Unsicherheit. Und Freiheit.

Paul brach als Erster in ein nervöses Lachen aus. „Wir… wir haben es echt geschafft.“ Luis sah zur Tür, obwohl dort nichts zu sehen war. „Das war erst der Anfang“, sagte er. Nick nickte langsam. „Ab jetzt wird’s kompliziert.“ Sie dachten nicht lange nach. Der Schlaf kam nicht wie Erlösung, sondern wie ein Zusammenbruch. Kaum hatten sie sich im Schuppen an die Wand gelehnt, waren ihre Körper einfach ausgegangen. Die Nacht steckte ihnen noch in den Knochen – die Flucht, die Angst, das Adrenalin. Luis hielt es am längsten aus, die Augen halb offen, den Blick auf den schmalen Spalt in der Tür gerichtet. Doch selbst er verlor irgendwann den Kampf gegen die Erschöpfung. Als die Sonne immer mehr durch die Ritzen kroch, rührte sich keiner von ihnen.

Die Schritte draußen hörten sie nicht. Der Bauer blieb zuerst nur stehen. Er hatte die Tür schon halb aufgestoßen, um nach Werkzeug zu sehen, als er die drei Gestalten bemerkte. Einen Moment lang dachte er an Einbrecher – bis sein Blick auf die Kleidung fiel. Uniformen. Nicht von hier. Sein Gesicht verhärtete sich. Er kannte diese Kleidung. Und er wusste auch, woher. Langsam zog er die Tür wieder ein Stück zu, leise genug, um die Schlafenden nicht zu wecken. Dann ging er zurück über den Hof, griff nach seinem Telefon und wählte eine Nummer, die er nicht oft brauchte – aber oft genug kannte. „Direktor Obermaier“, sagte er, als sich am anderen Ende jemand meldete. „Ich glaub, ich hab hier ein Problem… oder eher drei.“ In der Horizont Besserungsanstalt war die Flucht längst aufgefallen. Leere Betten. Die beiden gefesselten Wachmänner. Der Alarm hatte die Stille der Nacht zerrissen. Direktor Herr Obermaier hatte keine Zeit verloren. Noch bevor die Sonne aufging, waren Betreuer und Wachen unterwegs, suchten Wege ab, überprüften Hinweise. Als das Telefon klingelte, brauchte er nur wenige Sekunden, um zu verstehen. „Halten Sie Abstand“, sagte er ruhig. „Wir kümmern uns darum.“ Die Fahrzeuge waren schnell unterwegs. Zu schnell für drei erschöpfte junge Männer, die nichts mehr bemerkten.

Zurück im Schuppen hatte sich nichts verändert. Paul lag zusammengerollt auf der Seite, die Arme eng an den Körper gezogen. Nick saß halb angelehnt, der Kopf nach vorne gesunken. Luis hatte den Rücken zur Wand, als würde er noch immer Wache halten – selbst im Schlaf. Eine Stunde später durchschnitt das Dröhnen eines Motors die morgendliche Stille. Der Transporter hielt abrupt vor dem Schuppen. Türen klappten auf, schwere Schritte im Kies. „Da drin“, murmelte der Bauer knapp. Die Wachen zögerten nicht. Sie stießen die Tür auf, traten ein – und fanden die drei noch immer schlafend vor, erschöpft bis zur Wehrlosigkeit. Mehrere Schritte. Leise, koordiniert. Einer der Wachen hob die Hand – ein kurzes Zeichen. Dann bewegten sie sich gleichzeitig. Luis war der Erste, der reagierte. Seine Augen rissen auf, noch bevor er richtig verstand, wo er war. Instinkt ließ ihn aufspringen – doch da waren schon Hände, die ihn festhielten. „Was—? Nein!“ Seine Stimme brach ab, als er zu Boden gedrückt wurde. Es war zu spät. Paul schreckte hoch, panisch. „Nein—nein, lasst mich—!“ Er versuchte sich loszureißen, stolperte, wurde sofort gepackt. Nick war einen Moment schneller wach als die anderen. Sein Blick erfasste die Situation in einem einzigen Zug – und man sah ihm an, dass er wusste, wie aussichtslos sie war. Trotzdem spannte er sich an. „Nicht“, sagte eine ruhige, feste Stimme. Herr Obermaier trat einen Schritt näher. Sein Blick ging von einem zum anderen. „Es ist vorbei.“ Luis atmete schwer, sein Blick voller Trotz. „Wir wären weitergekommen.“, knurrte er und spuckte dem Direktor vor die Füße. Sein Widerstand war noch nicht gebrochen. „Vielleicht“, erwiderte Obermaier nüchtern. „Aber nicht weit genug. Schafft sie weg. Darüber reden wir später.“ Paul kämpfte noch immer, doch seine Kräfte ließen nach. Die Erschöpfung, die ihn in den Schlaf gezwungen hatte, holte ihn jetzt wieder ein. Nick hingegen hörte auf, sich zu wehren. Raue Hände packten sie, rissen sie hoch. Binnen Sekunden waren ihre Hände gefesselt. Nicks Blick senkte sich kurz. Er hatte den Plan gemacht. Und er hatte nicht gereicht. Die Uniformen hatten ihnen vielleicht geholfen zu fliehen, aber sie hatten sie auch verraten. Wenig später saßen sie wieder in einem Fahrzeug, Hände noch immer gefesselt, der Blick leer. Der Schuppen wurde kleiner, verschwand hinter ihnen. Der Rückweg fühlte sich länger an als die Flucht. Keiner sprach.

Die Sonne stieg langsam über die Felder, als sie wieder durch das Tor der Horizont Besserungsanstalt geführt wurden. Alles wirkte wie zuvor – unverändert. Und doch war nichts mehr gleich. Luis hob den Blick ein letztes Mal zur Mauer. Seine Kiefer waren angespannt, seine Augen wach. Nicht gebrochen. Noch nicht. Nick saß schweigend neben ihm, tiefer in Gedanken versunken als je zuvor. Paul starrte auf den Boden. Hinter ihnen schloss sich das Tor. Die drei wurden schweigend durch die Flure geführt. Schritte hallten auf dem Boden, Türen öffneten und schlossen sich hinter ihnen, bis die Luft kühler wurde und der Geruch von Stein und Feuchtigkeit stärker. Der Keller. Hier hatte alles begonnen. Die Horizont Besserungsanstalt wirkte oben schon streng – hier unten fühlte sie sich endgültig an. Dicke Wände, kaum Licht, kein Fenster. Ein Ort, der nicht für Gespräche gedacht war. Luis starrte auf den Boden, seine Kiefer mahlten. Er dachte an die Nacht, an den Moment, als seine Füße zum ersten Mal wieder festen Boden außerhalb der Mauern gespürt hatten. Freiheit – so nah, so echt. Und jetzt das hier. Paul rieb sich nervös die Hände. Sein Blick huschte durch den Raum, als suche er einen Ausweg, obwohl er genau wusste, dass es keinen gab. Nick stand still, äußerlich ruhig, doch sein Blick war wach. Rechnend. Abschätzend. Als würde er noch immer versuchen, irgendwo einen Zug zu finden, der das Spiel doch noch drehte.

Die Tür öffnete sich. Direktor Obermaier trat ein, gefolgt von zwei Wachen. Den zwei Wachen von letzter Nacht. Seine Präsenz füllte den Raum sofort. Er ließ sich Zeit, sah jeden Einzelnen der drei an. „Ich nehme an, ihr wisst, warum ihr hier seid“, sagte er schließlich. Keiner antwortete. „Euer Ausbruch“, fuhr er ruhig fort, „war kein kleiner Regelverstoß. Ihr habt geplant, koordiniert gehandelt und bewusst gegen alles verstoßen, was diese Einrichtung ausmacht.“ Luis hob den Blick. „Wir wollten einfach raus.“ Obermaier nickte. „Das ist mir bewusst“, erwiderte er trocken. Ein kurzer Moment Stille. Dann sagte er: „Eure Zeit hier wird verlängert. Um ein Jahr.“ Die Worte trafen wie ein Schlag. „Was?!“ Pauls Stimme überschlug sich. „Ein Jahr? Das können Sie nicht—“ Er wollte einen Schritt auf den Direktor zu machen, wurde aber von einem der Wachen zurückgehalten. „Doch“, unterbrach Obermaier ruhig. Luis machte einen Schritt nach vorne, so weit es ihm erlaubt war. „Das ist unverhältnismäßig.“ Nick sagte nichts – aber man sah, wie sich seine Haltung minimal veränderte. Selbst er hatte damit nicht gerechnet. „Bitte“, sagte Paul jetzt leiser, fast flehend. „Das… das schaffen wir nicht.“ Direktor Obermaier musterte sie einen Moment lang. Dann verschränkte er die Hände hinter dem Rücken. „Es gibt eine Alternative“, sagte er. Die drei sahen gleichzeitig auf. „Eine sofortige, deutlich härtere Disziplinarmaßnahme“, fuhr er fort. „Dafür wird die Verlängerung auf sechs Monate reduziert.“ Luis’ Augen verengten sich. „Was für eine Maßnahme?“ Herr Obermaier antwortete nicht direkt. „Eine, die euch sehr deutlich klarmacht, warum solche Versuche Konsequenzen haben.“ Die Bedeutung hing schwer im Raum. Paul schüttelte leicht den Kopf. „Das ist doch…“ Nick atmete langsam aus. Sein Blick ging kurz zu Luis, dann zu Paul. Ein Jahr. Oder etwas, das sofort kommt. „Sechs Monate…“, murmelte er. Luis schwieg. Man konnte sehen, wie es in ihm arbeitete – Stolz, Wut, Trotz. Alles gleichzeitig. Dann sah er wieder zu Obermaier. „Und wenn wir nein sagen?“ Der zuckte mit den Schultern. „Dann bleibt es bei einem weiteren Jahr hier bei uns.“ Stille. Lang. Schwer. Schließlich ließ Luis die Schultern ein kleines Stück sinken. Nicht viel – aber genug. Paul schloss kurz die Augen. Nick nickte kaum merklich. „…Sechs Monate“, sagte er leise. Paul schluckte. „Ja.“ Ein letzter Moment verging, dann sagte auch Luis, rau: „Okay.“ Herr Obermaier nickte knapp. „Dann ist das entschieden. Ihr erhaltet eine exemplarische Strafe, als mahnendes Beispiel für alle anderen. Bereitet alles vor.“, wies er die Wachen an. Diese bestätigten wortlos und verschwanden. Kurz darauf hörte man das Scharren von Holz über Stein, gedämpfte Stimmen, das Öffnen einer weiteren Tür. Dann wurde es still im Keller. Die Tür fiel ins Schloss.

Für einen Moment sagte keiner etwas. „Das wird übel“, murmelte Paul schließlich und starrte auf den Boden. Nick lehnte sich gegen die kalte Wand. „Wir hätten einfach weiterlaufen sollen… nicht einschlafen.“ Luis schüttelte den Kopf. „Das hätten wir nicht geschafft. Wir waren fertig.“ Er atmete tief durch, sah die beiden anderen an. „Hört zu. Egal, was jetzt kommt – wir stehen das zusammen durch. Die wollen, dass wir einknicken. Dass wir uns klein machen lassen.“ Paul wippte nervös mit dem Fuß. „Und wenn wir es nicht schaffen?“, fragte Nick leise und sprach damit aus, was auch Paul dachte. Luis´ Blick wurde fester. „Dann tun wir zumindest so. Verstanden? Wir geben denen nicht mehr, als sie sowieso schon haben.“ Paul nickte langsam. „Zusammen.“, sagte er. „Zusammen“, wiederholte Nick.

Die Tür öffnete sich plötzlich, abrupt. „Mitkommen.“, war der knappe Befehl, einer der Wachen. Sie wurden hinausgeführt, durch die Flure, die sie nur zu gut kannten – doch diesmal fühlte sich jeder Schritt schwerer an. Als sie den Hof erreichten, blendete das Tageslicht für einen Moment ihre Augen. Dann sahen sie es. Drei einfache Holzgestelle standen in der Mitte des Hofes. Dahinter, in einem Halbkreis, die anderen Insassen. Still. Beobachtend. Ein leises Murmeln ging durch die Menge, als Luis, Nick und Paul nach vorne geführt wurden. Die Wachen arbeiteten routiniert, zogen ihnen die Hosen bis hinunter zu den Knöcheln, zwangen sie sich tief über die Strafböcke zu beugen und banden sie fest. Das Holz war rau, die Position unbequem, ausweglos. Niemand widersetzte sich noch – es hätte ohnehin nichts geändert. Direktor Obermaier trat vor. „Dieser Ausbruchsverbot“, begann er mit klarer Stimme, „ist ein Verstoß gegen jede Regel dieser Einrichtung. Wer glaubt, er könne sich den Konsequenzen entziehen, irrt.“ Sein Blick glitt über die versammelten Insassen. Er sah Angst, Spannung, aber auch Wut und Trotz in ihren Blicken. „Diese drei werden ihre gerechte Strafe dafür erhalten. Seht genau hin – als Warnung für euch alle.“ Ein hörbares Raunen ging durch die Menge. „Möge es euch eine Lehre sein.“

Was folgte, war kurz – und doch zog es sich für die drei wie eine Ewigkeit. Auf ein Zeichen des Direktors hin, griffen die beiden Wachen jeweils zu einem der Prison Straps, die am Ende der Holzgestelle hingen. Sie traten neben Nick und Paul, die hinüber zu Luis schielten. Dort nahm Herr Obermaier selbst den breiten Prison Strap zur Hand und stellte sich zu Luis. „50 Hiebe!“, war sein knapper Kommentar, bevor ein lautes „EINS.“ erfolgte und alle drei zeitgleich ausholten. Mit einem lauten synchronen Klatschen landeten die schweren Straps satt auf den nackten, herausgestreckten Hinterteilen der Ausreißer. „Umpf.“, folgte ein Aufstöhnen der drei Delinquenten. Pauls Gedanken rasten. ‚50 dieser Hiebe! Wie sollte er das nur schaffen?‘ Doch der nächste schmerzhafte Treffer riss ihn in die Wirklichkeit zurück und er biss die Zähne zusammen. Schon hörte er die nächste Anweisung von Direktor Obermaier. „DREI.“ Und das feste Leder des Prison Straps hinterließ erneut einen breiten, roten Striemen auf seinen Backen. „Sssch.“, atmete er hörbar aus und kniff die Augen zusammen. Die getroffenen Stellen brannten auf der gespannten Haut, das sich mit jedem neuen Treffer weiter ausbreitete. Er sah hinüber zu Nick und Luis. Auch seine beiden Freunde kämpften, wie er, gegen den Schmerz an. Unfähig sich zu bewegen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Schmerz zu veratmen. Direktor Obermaier ließ genau so viel Zeit zwischen den einzelnen Schlägen, dass der Schmerz sich voll auf der Straffläche ausbreiten konnte und seine maximale Wirkung entfaltete. Er schenkte Luis nichts, der bis jetzt fast stoisch, seine Strafe hinnahm. ‚Versuch es nur Luis, am Ende kriege ich auch dich klein. Das hier ist noch nicht zu Ende.‘, dachte der Direktor und zog ihm den Riemen nur noch fester quer über die Backen.

Die Strafe war hart, genauso, wie sie es erwartet hatten. Jeder Moment verlangte ihnen alles ab, körperlich wie mental. Doch keiner von ihnen gab einen Laut von sich, der über ein unterdrücktes Keuchen hinausging. Luis´ Worte hallten in ihren Köpfen nach. Zusammen. Wie ein Mantra sagten sie es immer wieder vor ihrem Inneren auf. Doch fünfzig Hiebe waren schwer zu ertragen und auch die Wachen legten ihre volle Kraft in jeden einzelnen Schlag. Zur Strafe für ihre Unaufmerksamkeit war ihnen der Lohn für eine Woche gestrichen worden, hinzu kam die Schmach als ihre Kollegen sie nur in Unterwäsche gekleidet, gefesselt hinter den Brettern entdeckt hatten. Ihre Wut darüber, ließen sie nun Nick und Paul spüren, die japsten und keuchten unter den schwungvollen Hieben der beiden, muskulösen Wachmänner. Luis erging es nicht besser. Sein trotziger Blick und seine zur Schau gestellte Ruhe verärgerten Direktor Obermaier nur noch mehr. Er dachte an die Situation im Schuppen, als Luis vor ihm verächtlich auf den Boden gespuckt hatte. ‚Na warte…‘, dachte er und lächelte grimmig. Bei den letzten zehn Hieben nahm er sich besonders der unteren Sitzfläche und dem Übergang zu den Oberschenkeln an. „ Aargh.“ Luis warf mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf in den Nacken. Diese fiesen Hiebe verlangten ihm alles ab und hinterließen, auf dem ohnehin schon knallroten eingefärbten Hintern, dunkelrote Striemen, die sich bis ins Blau-Lila hinein verfärbten. Auch Paul neben ihm rüttelte verzweifelt an den Fesseln, als das Leder des Prison Straps auf diese besonders sensiblen Stellen traf und seinen Hintern in ein brennendes Inferno verwandelte. Sie hatten jedes Zeitgefühl verloren und auch das Zählen von Herrn Obermaier nicht mehr wahrgenommen. Es gab nur diesen Schmerz in ihrem Körper und ihrem Kopf, der nicht mehr auszuhalten war.

Als es vorbei war, lösten die Wachen die Fesseln. Keiner der drei konnte sofort geradestehen. Sie wurden gestützt, eher geschoben als geführt, zurück in das Gebäude. Wieder der Keller. Wieder die Kälte. Diesmal sagte niemand etwas. Sie legten sie auf drei harten Pritschen ab, dann fiel die Tür ins Schloss. Die Stunden vergingen langsam. Schmerz, Erschöpfung und ein dumpfes Schweigen füllten den Raum. Irgendwann wurde es Nacht. Keiner wusste genau wann. Doch sie waren noch da.

Am nächsten Morgen öffnete sich die Tür erneut. „Zurück auf eure Zimmer.“ Der Weg dorthin war still und wirkte unwirklich. Die Flure, die ihnen vorher vertraut gewesen waren, fühlten sich verändert an – enger, stiller. Ein paar Türen standen offen und hier und da huschten Blicke über sie hinweg. Die anderen Insassen sahen ihnen nach – anders als zuvor. Kein Spott, keine Gleichgültigkeit. Eher etwas, das schwer zu deuten war. Vielleicht Respekt. Vielleicht Abschreckung. Luis ging vorne. Sein Gesicht war hart, die Augen nach vorne gerichtet. Kein Wort, kein Blick zur Seite. Aber in seiner Haltung lag etwas Neues – kein Nachgeben, eher ein kontrollierter Trotz, vorsichtiger als zuvor. Nick folgte dicht dahinter, ungewöhnlich still. Seine Gedanken arbeiteten, das sah man ihm an. Er analysierte, sortierte, zog Schlüsse. Nicht nur über den gescheiterten Plan – sondern darüber, was als Nächstes möglich war und was nicht mehr. Paul ging zuletzt. Er wirkte erschöpft, sein Blick gesenkt. Die Realität hatte ihn am härtesten getroffen: dass die Flucht vorbei war, dass es Konsequenzen gab, die man nicht einfach abschütteln konnte. Vor ihren Zimmern blieben die Wachen stehen. Ihr Betreuer Herr Schmidt erwartete sie bereits. „Rein“, sagte er knapp. Die Türen öffneten sich. Luis blieb einen Moment auf der Schwelle stehen, sah kurz in den kleinen Raum – Bett, Tisch, nichts Persönliches. Dann trat er hinein, ohne sich umzudrehen. Nick ging ebenfalls wortlos in sein Zimmer, blieb aber noch einen Augenblick an der Tür stehen, als würde er sich etwas einprägen. Paul zögerte am längsten. Dann trat auch er ein und ließ sich auf sein Bett fallen. Die Türen schlossen sich nacheinander. In der Stille seines Zimmers setzte sich Luis vorsichtig auf das Bett und starrte gegen die Wand. Sechs Monate mehr. Der Gedanke brannte, aber er war klarer als das andere der kurze Moment draußen, die Nacht, der Wald. Das Gefühl, dass es möglich gewesen war. Nick saß an seinem Tisch, die Hände gefaltet, den Blick ins Leere gerichtet. Sein Plan war gut gewesen – nur nicht gut genug. Und das ließ ihn nicht los. Paul lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Für ihn war es einfacher und schwerer zugleich: Er hatte es gewollt, war mitgegangen – und jetzt musste er damit leben. Im Gebäude kehrte langsam wieder Routine ein. Doch etwas hatte sich verschoben. Nicht nur bei ihnen.

Ein Kommentar

  • Robbie

    Diesmal hast Du also wieder ein etwas düsteres Setting. gewählt. Ich merke schon, wie das bei mir im Vergleich zu den sonst oft häuslichen Settings ein wenig ein beklemmendes Gefühl beim Lesen erzeugt.

    Dennoch fand ich die Vorstellung dieser öffentlichen Züchtigung auch ziemlich heiß.

    50 Hiebe mit dem schweren Prison Strap sind natürlich schon eine Hausnummer, erscheinen mir aber angesichts der Situation und der Tat durchaus angemessen.

    Insgesamt hatte ich beim Lesen schon meinen Spaß, freu mich aber dennoch wieder auf mehr persönlich motivierte Abreibungen, begrüße aber die Abwechslung dennoch.

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